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Licht in die frühe Menschheitsgeschichte
Computer machen es möglich - Himmelskunde die Wurzel unserer Kultur
  Stonehenge - Rekonstruktion der ältesten Sternwarte der Erde
Vilsbiburger Zeitung vom Samstag, 6. September 1986
 

Vilsbiburg. Ein außergewöhnlicher Lehrgang der Volkshochschule Vilsbiburg ging dieser Tage zu Ende. Zum Thema „Himmelskunde, die Wurzel unserer Kultur“ brachte Karlheinz Baumgartl an vier Abenden die Frühgeschichte in neuem Licht. Computer beweisen, daß Europa schon vor fünftausend Jahren eine hohe Geisteswissenschaft entwickelt hatte. Die riesigen Kalenderanlagen Stonehenge und Avebury in England, in Deutschland die Sternwarten Österholz bei Detmold, in Mecklenburg und in Odry (Westpreußen) sind Stätten einer einstigen Hochkultur. Nach dem englischen Astronomen Fred Hoyle ragt das Wissen dieser Menschen „wie ein wahrer Mount Everest“ aus der frühen Geistesgeschichte der Menschheit heraus.

Zu Beginn des Lehrgangs bot Baumgartl, der hier schon so manchen interessanten Abend gestaltet hat, eine Schau in das Universum. Es war eine Zusammenfassung des vorangegangenen Kurses über Astronomie-Kosmologie und zugleich eine Einführung in das neue Thema. Sterne werden aus Wolken von Gas und Staub geboren, entwickeln Planeten, Monde etc. und irgendwann, wenn ihr Brennstoff verbraucht ist, fallen sie in sich zusammen und gehen eine kosmische Verwesung ein. Ihre Reste werden von neuen Kraftfeldern aufgenommen. Nichts geht im Universum verloren. Jedes Atom und jeder Lichtstrahl werden wieder absorbiert. Wir erkennen den großen Kreislauf der Natur. Ein ewig währendes Geschehen. Mit dem Tod steht immer der Neubeginn, die „Auferstehung“ zu neuem Leben.

Dieser Kreislauf ist die entscheidende Erkenntnis. Er war den Menschen seit früher Zeit bekannt. Hieraus schufen sie ihre Zeichen, ihre Mythen, ihre Religion. Dieser Gedanke ist die Grundlage der germanischen Wiedergeburtslehre, aus der im späteren Verlauf der Geschichte die christliche Auferstehungslehre wurde. Zugrunde liegt das Zeichen des Kreises, Symbol der Ewigkeit. Der Kreis ist deshalb das Hauptsymbol unserer Kultur.

Die Erforschung zyklischer Zusammenhänge der Mond-Erde-Bewegungen war deshalb auch eine der ganz großen Aufgaben dieser Menschen. Baumgartl zeigte den Teilnehmern an einem Kleinplanetarium diesen Vorgang. Durch die Neigung der Mondbahn um 5,1 Grad zur Ekliptik entstehen zunächst unregelmäßig die Sonnen- und Mondfinsternisse, die sich aber alle 18,6 Jahre wiederholen. Man nennt diesen Mondzyklus auch die Sarosperiode. Die Erforschung des Saros ist ein großes, wissenschaftliches Unternehmen. Sie war niemals die Tat einzelner Menschen oder nur einer Generation. Die Erforschung des Mondkreislaufs war das Ergebnis jahrhundertelanger Arbeit. Und sie war das Ergebnis einer Völkergemeinschaft vom Ural bis Atlantik, von Skandinavien bis ans Mittelmeer. Man weiß heute sicher, daß die alten Europäer dieses hohe Wissen selbst geschaffen haben über große Zeiträume. Die Ergebnisse wurden von Generation zu Generation dokumentarisch in Stein überliefert. Viele Steinmeißelungen und Steinsetzungen zeugen von einer umfassenden Himmelskunde in Europa vor 4000 bis 5000 Jahren. Man muß diese Zeit als den Höhepunkt einer Epoche auffassen und die Anfänge wissenschaftlichen Denkens noch sehr viel früher ansetzen.

Das Rechenzentrum der Berliner Sternwarte begutachtete 1926 den Lageplan des ehemaligen Gutshofs Gierken, Gemarkung Österholz bei Detmold. Dort stehen auch die Externsteine, eine uralte Kultstätte. Die Gegend ist voller kulturhistorischer Anlagen. Die Berliner Professoren Rieb und Neugebauer identifizierten den Gutshof als ehemalige Mondforschungsstätte für die Zeit um 1850 vor der Zeitenwende. Man benutzte damals die besonders hellen Sterne als Leitsterne zur Fixierung am Himmelsgewölbe. Daher auch der Name Fixsterne. Diese Sterne hatten Grenzsteinfunktion. Damit konnte man nun bewegliche Himmelskörper genau verfolgen. Und auf diese Weise verfolgte man die Mondbahn, steckte die Positionen der Mondbahnextreme ab und baute danach die Grundmauer. Die Mauer nach der Mondlinie ist die wichtigste, denn sie ist das Ergebnis dieser Forschung. Sie beweist die Kenntnis der Sarosperiode. Diese Stätte diente wohl auch der Schulung junger Wissenschaftler. Nach den Erkenntnissen des Walther-Machalett-Forschungskreises war Österholz auch das abendländische Vermessungszentrum. Dort wurden Maßeinheiten festgelegt, nach denen viele Steinsetzungen gebaut wurden.

In England, etwa 130 Kilometer westlich von London, stehen die wohl eindrucksvollsten Bauwerke der Steinzeit. Es sind die ältesten Sternwarten der Erde: Stonehenge und Avebury, zugleich Versammlungsstätten für tausende Menschen! Sie wurden nach langer Planung vor fünftausend Jahren gebaut. Nach der Computeranalyse von Dr. Gerald Hawkins im Jahre 1963 war Stonehenge eine perfekte Zeitmeßanlage. Dort konnte man die Sonnen-Mond-Finsternisse ohne Korrektur für etwa 300 Jahre vorhersagen. Eine fast unglaubliche Leistung! Diese Finsternisse waren keine „Gefahrenzeiten“, wie oft behauptet wird. Für die wissenden Menschen waren die Finsternisse immer die Bestätigung ihres Wissens. Davon ging eine gewisse Macht aus. Sie bestimmten die Feste nach den festen Tagen der Sonne. Das waren die Sonnenwendpunkte zu Winter und Sommer, das Weihnachtsfest und der Johannistag. Noch heute werden diese Tage als Feste des Lichts gefeiert. Bäume werden mit Lichtern geschmückt, Freudenfeuer, Sonnenfeuerräder werden abgebrannt. Das Weihnachtsfest ist eigentlich das Wintersonnenwendfest. Man feierte den Zeitpunkt, da das Licht der Sonne nach ihrem Tiefststand wieder allmählich höher stieg. Die längste Nacht wurde zur Weihe-Nacht. Man feierte die Freude über die bevorstehende, wärmere Jahreszeit, daß es wieder „aufwärts“ ging mit der Sonne, mit dem Leben. Das wiederaufkeimende Leben im Kreislauf des Jahres wurde gefeiert und im weiteren, übertragenen Sinne die Wiedergeburt des Lebens im Kreislauf der Ewigkeit. Weihnachten ist das Fest der Wiedergeburt des Lebens auf der Erde (der „Mutter Erde“), das geboren wird aus der Maria, nämlich der Ma-te-ria.

Das Wissen wurde bildhaft in die Religion übertragen. Himmelskunde stand damals im Zusammenhang mit Religion und Philosophie. Das geistige Zentrum war der Sonnenkult. Die Sonne galt als der sichtbare Ausdruck Gottes. Deshalb wurde auch die Geburt des Sonnensohnes (des Menschen) auf der Erde zum höchsten Fest.

Es wird oft gesagt, unsere Vorfahren seien Jäger und Sammler gewesen. Sicher gab es auch solche. Aber die meisten Menschen waren damals Gärtner! Himmelskunde setzt Bodenständigkeit voraus.

Die früheuropäische Kultur war im wesentlichen eine Gartenkultur. Das germanische Bodenrecht war ein Bodennutzungsrecht. Die jungen Menschen bekamen Land zugewiesen, aus dem sie ihren Lebensbedarf erwirtschaften konnten. In Germanien gab es nie eine römische Sklavenwirtschaft. Neben den Grundherren saßen die freien Bauern auf dem freien Boden. Sie bildeten die große Masse der Bevölkerung. Das zugesprochene Land ernährte seinen Mann. Massenarbeitslosigkeit oder wirtschaftliche Not konnte gar nicht aufkommen. In diesem Sinne stoßen wir auf das gesündeste und gerechteste Wirtschaftssystem. Europa stand wortwörtlich in Blüte.

Später wurde dieses Bodennutzungsrecht unter dem Einfluß des römischen Rechts geändert in ein Bodenbesitzrecht. Das bewirkte mit der Zeit eine grundlegende Änderung der Lebensweise. Nun wurde das Land unfrei. Die Menschen wurden abhängig vom Geld, das eine kleine Minderheit privilegierter Leute herausgab. Privileg bedeutet gesetzliches Stehlen (lat. privare = berauben, lex = das Gesetz). Auf legalisierte Weise wurden die Menschen ihres natürlichen Bodenrechts beraubt. Nutznießer waren die Finanzleute, die zu faul waren, im Garten zu arbeiten. Auf diese Weise erhoben sie sich über die Masse der Menschen und zwangen diese für das Geld zu dienen, es zu verdienen. Eine neuzeitliche Sklavenwirtschaft bildete sich heran. Aus dem freien, naturverbundenen Bauern wurde der naturferne Zwangsarbeiter. Es kam zu den bekannten Bauernaufständen, die brutal niedergeschlagen wurden. Es kam zum Dreißigjährigen Krieg. Europas Blüte wurde zerstört. Kultstätten wurden demoliert. Das Wissen ging weitgehend verloren. Früher stand das Leben im Mittelpunkt, das Hier und Jetzt. Nun aber wurden die Menschen durch die Kirche immer mehr ins Jenseits abgerichtet. Die Religion wurde metaphysiert. Die Menschen nahmen mit der Zeit das Leben nicht mehr so wichtig, weil sie ja im Jenseits für alle diesseitigen Entbehrungen entlohnt werden sollten. „So zu leben, daß es keinen Sinn mehr hat zu leben, das wird jetzt zum ‚Sinn‘ des Lebens“ (Friedrich Nietzsche). Wer aber die Erlösung nicht bei sich selbst sucht, sondern irgendwann und irgendwo erhofft, dem ist es nicht so wichtig, daß er sich falsch ernährt, daß er die Umwelt schädigt, daß er lebenslang Zwangsarbeit leisten muß, daß er ausbeutet und ausgebeutet wird, daß überall hemmungslos der Lebensraum zerstört wird. Die Zerstörung unserer Gesundheit und unserer Erde wären niemals möglich gewesen, wenn die Menschen sich hätten nicht ins Jenseits abdrängen lassen. Der Jenseitsglaube betrügt die Menschheit um das Leben zum Nutzen der ganz auf das Diesseits ausgerichteten Finanzleute.

Die vor allem im 20. Jahrhundert aufkommende Technisierung trieb die Entwicklung immer weiter. Der unumschränkte Herrscher ist heute weltweit das Kapital einer kleinen Minderheit egozentrischer Machtspekulanten. Ihre Banken und Börsen regieren die Welt. Auch unsere Wissenschaften sind damit untrennbar verknüpft. Ohne sehr viel Geld geht da nichts! Das Geld hat unsere Logik geformt, wir denken im Sinne des Geldes und handeln danach. Die Geschichte der letzten zwei Jahrtausende ist geprägt von einem offenen und heimlichen Kampf zwischen dem anscheinend übermächtigen Kapitalismus in seinen verschiedenen Formen ... und dem einfachen Menschen. Die offizielle Geschichtsschreibung verfälscht diesen Sachverhalt, ist doch die Historik immer ein Instrument der Machthabenden. Deshalb ignoriert man die frühe Hochkultur oder würdigt unsere Vorfahren herab, wo es auch nur geht. Blinder Fortschrittsglaube darf es nicht zulassen, daß es früher menschlicher zugegangen sein könnte als heute. Zweitausend Jahre Verfälschung der Vergangenheit, Verfälschung der Sitten, der Urreligion, der Urkultur bedeuten moderne Zivilisation, einer Lebensform am Rande der Selbstvernichtung.

Vielleicht aber erinnern wir uns an die Wurzeln unserer Kultur, wenn wir die Berichte über Stonehenge, Avebury, Österholz u.a. einmal gründlich überdenken. Vielleicht können wir daran Interesse gewinnen, wieder Wurzeln fassen, kulturbewußt werden, neue Sinninhalte schaffen, die dem Leben dienen. Alleiniger Maßstab für den Wert einer Kultur ist die Achtung vor dem Leben. Die Einhaltung der lebenserhaltenden Gesetze, vorab das Gesetz der natürlichen Ernährung mit Produkten aus Gärten, ist unerläßlich, wenn wir gesunden wollen an Geist, Körper, Seele. Nur das ist die Grundlage für eine blühende Zukunft. Unsere Vorfahren lebten diese Gesetze. Wir können davon lernen.

Der Kursleiter, Karlheinz Baumgartl, ist Autor des Buches „Der Teil des Ganzen“, das sich befaßt mit dem Universum der menschlichen Gesellschaft und hinführt in das kosmische Universum zu der Frage: was bedeutet Leben? (Direktbezug Karlheinz Baumgartl, Oberhaus, 84367 Zeilarn).

 
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